Rollkommando

Die Musik ist sanft. Astrud Gilberto säuselt „Look to the Rainbow“, und das Orchester beklimpert sie mit einzelnen Noten vom Klavier, und die Querflöte schmeichelt der Sängerin um den Mund, und die Gitarre redet ihr konstant, leise und bestimmt den Bossa ein.
Die Kerzen tropfen, das Gespräch erstirbt für einen

Augenblick, um den Augen Platz zu machen, und die Gabel legt sich mit leisem Klirr aufs Porzellan. Zwei Köpfe neigen sich am gedeckten Tisch und lächeln. Seit zwei Wochen zum ersten Mal. Soße sammelt sich in der Tellermitte, ein winziges Fettauge, ein letzter Rest vom Fleisch, ein Messer legt sich leise zur Gabel.

Michael nimmt die Serviette und tupft sich die Lippen.

„Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber …“

Maike lächelt ermutigend.

„Ich glaub das letzte Mal, dass wir uns so intensiv unterhalten haben war auf Ibiza.“

„Wie meinst du unterhalten? Geschrien hast du.“

„Du warst auf einer Luftmatratze einen Kilometer vor der Küste und auf dem Weg nach Gibraltar!“

„Du bist immer so weit weg von mir.“
„Ich hole Eis und muss feststellen, dass du gerade im Fahrwasser eines gigantischen Containerfrachters auf dem Weg nach Südamerika bist — das nennst du immer-weit-weg-sein?“

„Du übertreibst.“

„Die Küstenwache und der Hubschrauberpilot nahmen gerade ihre wohlverdiente Siesta — ich musste sie mit vier Freikarten für die Fußball-WM und Freivergnügen in einer Tabledance-Bar auf der Reeperbahn überreden.“

Ihre Augen haben einen schönen feuchten Glanz. „Trotzdem, weißt du, wie schön ich es finde, dass du uns was kochst? Das war so lecker — ich hätte nicht geglaubt, dass du das kannst. Meine Hochachtung!“ Sie zieht mit gespielter landadligkeit den imaginären Hut und sieht zehn Jahre jünger dabei aus.

Er nimmt die Flasche Wein um nachzuschenken, als plötzlich ein fürchterliches Wummern die Wohnzimmertür erzittern lässt. Schreckgeweitete Augen und die Tür zerbirst unter den mächtigen Schlägen, ein infernalischer Lärm erfüllt den Raum, schwarze Masken erscheinen im Loch, und Sekunden später steht mit dem klapperndem Blech der Waffen ein Sturmtrupp in der Zimmerecke. Ihr Anführer brüllt: „Aufstehen! Zackzack!“

Michael zieht eine säuerliche Miene auf. „Nicht jetzt!“, ruft er ihnen entgegen.
Und sie: „Ach, geh doch mal ran, bist du so nett?“

Er knirscht mit den Zähnen, steht auf und geht ran.

„Ja, Müller“ brüllt er in die Muschel.

„Thompson Research, Svami Dhevundrahar am Apparat, einen schönen guten Abend. Bei unserer

letzten Kundenbefragung hat Ihre Frau uns ihre Erfahrungen mit der Nachtcreme von „Stiff“ mitgeteilt. Heute möchten wir gern von Ihnen wissen, ob Sie auch unsere Fußsalbe kennen.“

„Für dich“, er reicht den Hörer an sie weiter.

Er hört das gedämpfte Quaken aus der Muschel, der Anflug einer Falte schiebt sich zwischen ihre Augenbrauen.

„Im Augenblick eher nicht. Rufen Sie später wieder an, ja?“ Sie drückt auf die Hörertaste, der Raum gehört wieder nur ihnen beiden.

„Was …“ Er deutet mit hochgezogenen Schultern auf den Apparat und zieht die Augenbrauen hoch. Zur Sicherheit wirft er noch einen Blick in die Zimmerecke, um zu sehen, ob der Mob dort noch immer steht. Er ist weg.

„Ach lass doch, die machen auch nur ihren Job“, sagt sie und klemmt sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Komm, wir tragen die Teller schon mal raus. Die lassen sich doch die meiste Zeit auch nur von wildfremden Leuten anschreien.“

„Und dafür lässt du dich lieber anschreien“, sagt er.
„Wie meinst du das? Die schreien doch gar nicht. Der eben war doch total nett.“

„Davor, meine ich.“

„Du hast doch Wahnvorstellungen!“

„Wie Wahnvorstellungen? Also das geht nun echt zu

weit. Alles was ich sage ist, dass man nie seine Ruhe hat. Kaum ist es mal so weit, steht plötzlich ein Sturmtrupp in der Bude. So und nicht anders, das ist die Realität.“

„Du hättest gestern nicht soviel trinken dürfen, das ist die Realität.“

***

Die Schwarzen Männer lauern überall. An jeder Ecke in der Stadt stehen Leute am rot-weißen Flatterband, schwarz maskiert, bewaffnet. Er zweifelt an seinem Verstand, sie ploppen schlagartig weg, erscheinen neu, nur einige Meter weiter entfernt.

Er fährt zur Arbeit in der U-Bahn. Plötzlich verschwindet die Hälfte der Fahrgäste, das Kommando der Schwarzgewandeten erscheint an ihrer Stelle. Sie führen das Megafon an den Mund, alle gleichzeitig: „Achtung, dies ist keine Übung! Ich kann dich nicht verstehen! Wo bist du? Ich bin in der U-Bahn! Ich fahre jetzt in einen Tunnel!“, plärrt es aus den Sprechhörnern.

***

Michael steht auf der Köhlbrandbrücke. Er hat keinen Schimmer, wie er hierher gekommen ist. Allerdings steht sein Auto hinter ihm, Qualm steigt aus dem Auspuff, die Kolonne dahinter hupt.
Das Handy klingelt. „Scheiße, kann man denn nirgends …“ Er drückt den Knopf, der Schwarzmann neben ihm verschwindet. Er holt aus und wirft sein Handy, es fliegt in einer vollendeten Parabel, es

macht einen kleinen Platscher auf dem Wasser und ist weg. Schön.

Der Akku zerlegt sich und teilt sich ein letztes Mal an seine Mitwasser mit.

Es treibt eine schwarze Maske auf den Wellen, das schwarze T-Shirt, die Hose, die Stiefel verblubbern in der Elbe. Er steigt ins Auto und drückt aufs Gaspedal, das Hupkonzert ist Musik in seinen Ohren.

***

„Sag mal, was ist eigentlich mit dir los in letzter Zeit? Du wirkst so komisch.“ Maike versenkt ihren Blick kennerisch in Michaels Augen.

„Ich will mein Ruhe. Mehr nicht.“

Sie sitzen auf der Terasse, die Sommernacht spielt ein leises Lied.

Maike löst den Blick, spielt wieder mit ihrem Handy. „Ist alles in Ordnung mit dir? Du wirkst so gereizt“, sagt sie beiläufig.

„Alles in Ordnung. Und wie war dein Tag?“ Er dreht das Weinglas in seiner Hand.
Ein Blitz erscheint, es gibt einen Knall, und Maike ist verschwunden. An ihrer Stelle sitzt einer von den Maskenmännern in gelb-schwarz gestreiften Schienbeinschonern und Schulterstücken, die Beine hochgelagert auf dem gegenüberliegenden Stuhl.

Bzzt-bzzt macht es, während er sich hin- und herwiegt. „Ja!“ und „Ja!“ ruft er, während er sich Level um Level abarbeitet.

„Maike?“

„Ja gleich.“

„Da sitzt ein Skorpion auf deinem Kopf.“

„Was sagst du?“

„Ist ja auch egal.“, er guckt in die Wolken.

„Nie redest du mit mir.“, sagt das Monster, den Blick fest aufs Display geheftet.

„Wir reden auf unterschiedlichen Leveln.“

„Level 14! Ja!“

***

Ein älterer Herr mit weißem Haar, großer Brille und schwarzem Anzug steht mit verschränkten Armen vor einer Serie aus fünf Bildern, die alle fast gleich aussehen. Er blickt nachdenklich aus dem Fenster, bevor er sich uns zuwendet und die epochalen Worte spricht: “In the future everyone will be unavailable for fifteen minutes.”
Entschuldigen Sie bitte, ich muss jetzt auflegen, ich hab jemanden in der anderen Leitung. Ja, danke. Tschüß!