Born to Be Mild

„Auauauauau!“
„Sabine, was hast du?“ fragte ich erschrocken und stellte mein Mineralwasser ab. Es war mild perlend, so stand es auf dem Etikett.

Angewidert löste sie die Zähne aus dem Brötchen und fuchtelte aufgeregt mit der Hand vor dem Gesicht herum. „Huuuhhh, ist das scharf!“

Ich war bei Sabine zum Frühstück eingeladen. Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen. Sie las vor, was auf der Packung stand: „Frischkäsezubereitung mit Paprika und Chili. Um Himmels Willen, sowas isst du?“

„Ich sollte doch ‘nen Frischkäse mitbringen. Da dachte ich, ich nehme einen mit Geschmack. Eigentlich ess ich sowas nicht.“

„Kein Wunder, da brennt einem ja alles weg.“

Wir saßen in der Küche. Sie bestrich ihr Brötchen mit Quark und legte ein Gürkchen drauf. Ich griff in den Brotkorb und ließ meinen Blick über den Tisch schweifen. Ein milder Brotaufstrich mit Avocado und Aloe Vera stand neben zwei Bechern Joghurt (mild), direkt vor mir ein Glas mit Honig, auch mild. Ich war unschlüssig. Sie reichte mir die Margarine, Joghurtbakterien tummelten sich darin, zum Glück milde. Ich griff zur Marmelade. Auf dem Etikett fehlte der vertrauenserweckende Zusatz. Das warf Fragen auf. Ein Produktionsfehler? War die Marmeladenindustrie noch nicht so weit? Beherzt stach ich das Messer ins rote Mus — fest entschlossen, es drauf ankommen zu lassen.

Sabine hatte sich inzwischen beruhigt. Sie saß eingekuschelt auf ihrem Stuhl, die Knie unterm Kinn, die langen Pulloverärmel bis über die Handflächen gezogen. Eng umschlossen hielt sie den Becher mit warmem Tee. Rooibos mild mit Vanillearoma.
„Seitdem ich nicht mehr mit Robert zusammen bin, habe ich all die schrecklichen Sachen rausgeschmissen, die er immer mitbrachte. Ich sag dir, allein wieviel besser es jetzt hier riecht, ohne Stinkekäse und den Zigarettenqualm.“

Robert, wer immer er war, hatte sofort meine Sympathie.

Neben dem Herd entdeckte ich eine Espressokanne. „Ich mach uns mal ’nen Kaffee, ja?“ bot ich an.

„Ja gerne, im Schrank habe ich einen leckeren Espresso stehen. Ganz mild ist der.“

„Einen milden Espresso? Das ist doch ein Widerspruch in sich“, protestierte ich. „So wie eine Achterbahn, die nur geradeaus geht. Oder entschärfte Chilischoten.“

„Wo du das gerade sagst, mein Gemüsehändler auf dem Markt, der hat jetzt solche Chilis, ganz toll sind die — überhaupt nicht scharf oder so. Er sagt, die haben sie jetzt gezüchtet, aus den schärfsten Schoten — Habanero heißen die, völlig ungenießbar — und dann gezüchtet und gezüchtet, und jetzt kann man die bei ihm kaufen. Ganz toll im Salat, weißt du. Machst du jetzt den Kaffee?“

„Später ja, vielleicht. Nein.“

„Du hast recht, wir können ja nachher noch einen trinken. Ich würde gern los, noch was einkaufen. Kommst du mit?“
„Klar“, sagte ich, „lass uns gehen.“

Wir standen vor dem Joghurt-Regal. Ich zeigte auf einen bulgarischen 500-Gramm-Eimer. „Ich nehm immer den hier“, sagte Sabine „ganz lecker.“ Schon wieder Aloe Vera. Joghurt mild, alles klar.

„Jetzt noch Schinken und Käse, dann machen wir unseren Spaziergang“, versprach sie. Ich warf einen Katenrauchschinken in den Einkaufswagen. Wie ein Flummi landete er wieder im Regal: „Bist du wahnsinnig, den essen nur Barbaren!“ Luftgetrocknet, mild gesalzen war die richtige Wahl. Auch meine Vorliebe für blauverschimmelten Käse kam nicht gut an. Dieser hier war besser und halbfett, seine Qualität: mild-cremig.

Für Spannung ist gesorgt, wenn diese Menschen später aus ihrem milden Leben erzählen, dachte ich. Die Enkelkinder heucheln mildes Interesse, müde wackeln die Köpfe. Ihre Eltern denken noch heute gern an den total milden Sex zurück, den sie damals hatten.

„Suchst du deine Freunde jetzt auch so aus?“, wollte ich von Sabine wissen.

„Wie meinst du das?“

„Die Sachen, die du isst. Sie haben überhaupt gar keine Eigenschaften.“

Sie lachte. „Das liegt daran, dass du rauchst, zuviel Kaffee trinkst und säufst wie ein Loch. Du hast überhaupt keine Geschmacksnerven mehr. Alles weggebrannt.“
Eine Dose mit Currypulver landete im Einkaufswagen. „Für nachher“, sagte Sabine. „Wir haben uns so viel zu erzählen, und nach unserem Spaziergang mache ich uns ein leckeres Curry. Hier, das ist original aus Indien.“

Hoffnung keimte. Hoffnung fiel. Auf der Dose stand „Currypulver mild“.

Es war fünf Uhr, als wir den Spaziergang hinter uns hatten.

„Möchtest du ein Bier?“ fragte sie. Ich wollte eigentlich nur schnell weg nach dem faden Essen, das sie Curry nannte, das Gespräch nahm einen ähnlich faden Verlauf.

„Ja gerne“, sagte ich. Ich war dankbar. Endlich ein Lichtblick. Es gibt diese kleinen Momente im Leben eines Mannes, sie legen einen goldenen Saum um die Erbärmlichkeit des täglichen Lebens, zum Beispiel, wenn man die falsche Verabredung getroffen hat. Ein schön kaltes richtiges herbes Bier kann es dann richten. Die Menschen sind wie sie sind, und alles ist gut.

Ich nahm einen ordentlichen Zug. Sprudel schäumte im Mund auf, eine lauwarme Plörre, sie dehnte sich aufs Zehnfache, es schmeckte nicht nach Bier.

„Was bitte ist das?“, prustete ich. Ich sah aufs Etikett: „Extra mild“ stand dort.
„Entschuldige bitte“, ich machte mich in Richtung Klo davon.

„Carsten! Hey!“

„Was ist, ich bin gleich wieder da!“

„Du hast dein Bier noch in der Hand!“

„Macht nichts, das mache ich immer so.“

Ich öffnete den Klodeckel und goss das Bier in die Schüssel. Es klang wie Pinkeln im Stehen. Ich zog ab und ließ den Wasserhahn rauschen. Mit der leeren Bierflasche kehrte ich an den Tisch zurück.

„Findest du das nicht etwas“, sie machte eine kurze Pause, „merkwürdig?“

„Was denn?“

„Du trinkst beim Pinkeln? Ganz schön seltsam, findest du nicht?“

Ich war gerettet, der Trick hatte funktioniert. Ich wollte sie nicht kränken.

„Es gibt Schlimmeres, finde ich.“

Man muss gehen, wenn es am besten ist. Der Zeitpunkt war jetzt gekommen.

„Ich hab mich sehr gefreut, dich wiederzusehen.“, sagte Sabine zu meinem Hals während sie mich umarmte. „Und weißt du, was mich echt positiv überrascht hat?“

Ich hatte keinen Schimmer.

„Du bist gar nicht mehr so zynisch wie früher. Früher hattest du immer an allem etwas auszusetzen. Ein dummer Spruch nach dem anderen. Das konnte manchmal ganz schön anstrengend sein.“
Das gab mir zu denken. Hatte ich tatsächlich den Biss verloren?

„Altersmilde vielleicht“, schlug ich vor.

„Wer weiß? Auf jeden Fall sehr angenehm. Vielleicht kochen wir mal zusammen?“

Jetzt konnte ich nicht mehr, Galle stieg hoch in der Speiseröhre, ein echter Geschmack, wenn auch kein guter. „Nein, ich glaube nicht“, sagte ich.

„Nanu, warum nicht?“

Altersmilde hin oder her, ich konnte nicht lügen.

„Ehrlich, Sabine: Dein Bier ist Käse, und Geschmack ist dir Wurst!“

Sabine war jetzt nicht mehr mild. Es war an der Zeit, zu gehen.

Ich stieg in die Abendsonne. Die Luft legte sich mild auf die Straße. Meine Laune stand in scharfem Gegensatz dazu, ich konnte es nicht mehr hören: mild dies — mild das. Jeder Käse wie Butterkäse, mein Bier, dein Bier, kein Bier. Wo sollte das hinführen, diese lasche Gleichförmigkeit. Würden die Freizeitparks der Zukunft uns mit gemütlichen Mildwasserfahrten ködern, genau ein Spritzer lauwarmes Wasser am Ende der letzten Schussfahrt? Ich nahm einen Umweg zur U-Bahn.

Das Fernsehprogramm der Zukunft: „TV-Tagestipp: Ein Erotikthriller mit schwachen Thrills und müden Kills. Gina Mild in der Hauptrolle.“ Ich wollte endlich rauchen, fingerte in den Taschen und stellte fest, ich hatte meinen Tabak vergessen. Kam ein Mann vorbei, und ich sagte: „Entschuldigung, haben Sie eine Zigarette für mich?“ Er hatte.
Sie waren leicht und mild.

Ich sagte „Nein, danke.“

Ich fuhr heim. Mir war plötzlich nach Schnaps. Schwarzgebrannt.

Als ich nach Hause kam, war Sabine schon auf dem Anrufbeantworter: Ich sei immer noch der Alte geblieben, leider hoffnungslos. Und sie sei mild entschlossen, mich nie wieder zu sehen.

Echt zum Kötzchen.

 

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